Felsbiotopstudie Basler Jura
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Felsbiotopstudie Basler Jura

Eine 1999 publizierte wissenschaftliche Feldstudie im Basler Jura liefert eine sachliche Diskussionsbasis über das Spannungsfeld von Freizeit- und kletternutzung versus Natuschutz. Wer steht dahinter, wie war ihr Ansatz, welches sind ihre Resultate, ihr Nutzen?

Im Basler Jura gibt es rund 150 aus dem Wald ragende Felsen und Flühe, von denen etwa 40 beklettert werden. Die Entwicklung des Sportkletterns zum attraktiven Spitzen- und Breitensport brachte eine enorme Zunahme der Anzahl erschlossener Kletterrouten in diesen agglomera-tionsnahen Gebieten: von rund 300 Anfang der Achtzigerjahre auf über 25001 heute. Der Basler Jura wurde über die Region hinaus als Sportklettergebiet bekannt, was vermehrt auswärtige Kletterer in die Region führte.2

Diese Entwicklung beunruhigte die lokalen Kletterer in Bezug auf allfällige negative Einflüsse auf die Felsen als Biotope und auf mögliche Konflikte mit dem Naturschutz -sprich Einschränkungen und Sperrungen. Denn die Felsen im Basler Jura sind nicht nur ideal zum Klettern, sondern auch sehr spezielle Biotope mit reliktischen Gebirgspflanzen und letzte Refugien unberührter oder un-genutzter Natur. Viele Tier- und vor allem Pflanzenarten sind auf diese Lebensräume angewiesen. Felsen können auch Genreservoire für Arten sein, die aus der Kulturlandschaft verdrängt werden. Laut eidgenössischem Gesetz verdienen Felsgebiete als Trockenstandorte besonderen Schutz.

So haben sich Anfang der Neunzigerjahre die lokalen Sektionen des SAC, der Sportkletterklub BALROC und nicht organisierte Kletterer zur «IG Klettern Basler Jura»3 zusammengeschlossen, die in verschiedener Weise aktiv wurde. Sie versucht möglichst viele Kletterer zu sensibilisieren; sie organisiert die Betreuung der wichtigsten Klettergärten im Rahmen von «Patronagen», sie verabschiedete den «Basler Kletterkodex»4, und als wichtigstes Element gab sie eine Studie über die Felsen als Biotope und den Einfluss des Kletterns in Auftrag. Dies mit dem Ziel, eine sachliche und wissenschaftliche Verhandlungs-basis zwischen Kletterern, Behörden und Naturschutzkreisen zu schaffen.

Von den rund 150 Felsflühen wurden 86, von denen 45 mehr oder weniger beklettert werden, mit einer einheitlichen Methode untersucht. Dabei sollten einerseits für die ausgewählten Objekte Daten zu Pflanzengesellschaften, Pflanzen und Tieren erhoben bzw. zusammengetragen werden. Für die biologische Reichhaltigkeit wurde ein sechsstufiger Index6 definiert. Andererseits sollten die Intensität der Freizeitnutzungen im Bereich von Felsen erfasst und die durch die Kletterei und den Ausflugstourismus hervorgerufenen Störungen ermittelt werden. Diese wurden ebenfalls in einem sechsstufigen Störungsindex7 zusammengefasst.

Darauf basierend wurden die Konflikte zwischen Freizeitnutzung und Naturschutz eruiert und die einzelnen Flühe in fünf Kategorien des Handlungsbedarfs8 eingeteilt. Je nach Kategorie und konkreter Situation wurden für alle Flühe Vorschläge für Schutzmassnahmen unterbreitet. Diese Einteilung und die Vorschläge wurden von der IG intensiv diskutiert, bis ein Konsens gefunden wurde.

Das Projekt wurde durch das Um-weltbüro Dr. Daniel Knecht, Dornach, geleitet. Bei den Feldaufnahmen halfen auch Kletterer der IG mit. Die Finanzierung wurde durch das BUWAL im Rahmen des ENSJ '95 und durch Beiträge von SAC, ProNatura und den Kantonen BS und BL ermöglicht.

Eine 1999 publizierte wissenschaftliche Feldstudie im Basler Jura liefert eine sachliche Diskussionsbasis über das Spannungsfeld von Freizeit- und Kletternutzung versus Naturschutz. Wer steht dahinter, wie war ihr Ansatz, welches sind ihre Resultate, ihr Nutzen?

Die Studie belegt den biologischen Wert der Flühe. Von den 371 notierten Gefässpflanzenarten stehen 80 auf der Roten Liste, sind damit von Natur aus selten und potenziell gefährdet. Unter den verschiedenen untersuchten Tiergruppen (Vögel, Säugetiere, Fledermäuse, Reptilien, Schnecken, Insekten) gibt es viele Arten, die ausgesprochen auf Felsen als Lebensraum angewiesen und zudem selten oder gefährdet sind. Am bekanntesten dafür ist der weltweit immer noch als gefährdet geltende Wanderfalke, der sein europäisches Hauptverbreitungsgebiet im Jura hat. Im Basler Jura brüten nunmehr ca. 25 Paare.

Bekletterte Felsen weisen im Vergleich zu unbekletterten, die oft schattig und brüchig sind, deutlich reichere Biotope auf. In den am stärksten begangenen Gebieten kann im Vergleich zu Literaturangaben ein Verschwinden bestimmter Gebirgspflanzen festgestellt werden. Dies ist ein Hinweis darauf, dass diese Gebiete stark belastet sind. Von den 37 mehr oder weniger regelmässig begangenen Gebieten mit eingerichteten Routen fallen 17 in die Kategorien 1 oder 2 ( kein Handlungsbedarf ), 19 in die Kategorien 3 oder4 ( Handlungsbedarf mittel- bis kurzfristig ) und eines in die Kategorie 5. Unter den Gebieten mit Einstufung 3 oder 4 befinden sich alle grossen Klettergärten der Region, mit Kategorie 4 so bekannte wie Schartenfluh ( Gem-pen ), Tüfleten oder Hofstetterköpfli. In den zehn am stärksten besuchten Gebieten können deutlich negative Einflüsse auf Felsflora und -fauna festgestellt werden, die mit dem Kletter- bzw. Freizeitbetrieb wahrscheinlich in direktem Zusammenhang stehen.

Insgesamt werden von den 86 untersuchten Flühen 18 «Tabugebiete» (Kat. 5) vorgeschlagen -von denen die allermeisten (noch) nicht beklettert werden, sei es wegen schlechten Felses oder anderer Gegebenheiten.

In einer Gesamtschau aller 86 untersuchten Gebiete und über das tatsächliche oder nachweisbare Ausmass der Störungen erweist sich dieses auf den ersten Blick eher ernüchternde Bild jedoch als positiver.

Eine direkte ursächliche Verknüpfung zwischen Störungen durch Felskletterei und einer Abnahme der biologischen Vielfalt kann beim derzeitigen Kenntnisstand nicht gemacht werden. Dazu wäre eine längerfristige Überwachung der Felslebensräume (Monitoring) notwendig. Im historischen Vergleich der Florabestände an einzelnen Flühen ist nicht auseinander zu halten, ob die festgestellte Verarmung auf das Klettern oder auf andere Ursachen zurückzuführen ist.

Die beobachteten Störungen durch den Kletterbetrieb sind in den meisten Fällen lokal und recht gering. Andererseits ist zu bedenken, dass viele Gebiete erst ab den Achtzigerjahren stärker oder überhaupt erschlossen wurden und Populationen von Tieren und Pflanzen mit einer Verzögerung von Jahren bis Jahrzehnten auf negative Einflüsse reagieren.

Die Vertreter des Naturschutzes, vor allem auch die kantonalen Behörden von BL und SO, reagierten erfreut und positiv auf die Studie, die Vorschläge und das damit verbundene Signal der Kletterer, dass ihnen neben dem Klettern auch die Natur ein wirkliches Anliegen ist. Die Behörden gaben ihre Zusage, dass sie die Resultate der Studie bei allfälligen Planungen und Beurteilungen berücksichtigen würden.

Den Ansatz, den die IG mit ihrer ganzen Arbeit und insbesondere mit der Studie macht, beurteilt die SAC-Kommission «Schutz der Gebirgswelt» als richtig, unterstützenswert und der grundsätzlichen Einstellung des SAC angemessen. Die Studie hat viel zur Versachlichung der Diskussionen beigetragen. Sie leistet zudem auch einen Beitrag zur Sensibilisierung der Kletterer für den Naturwert der Felsbiotope.

Es gibt jedoch auch mögliche unliebsame Auswirkungen, die nicht zu vernachlässigen sind: Dadurch, dass eine derartige Studie das Augenmerk auf die Kletterer richtet, besteht die Gefahr einer Überbewertung: Andere Störeinflüsse auf und Konflikte um den Lebensraum Fels werden dabei leicht vergessen oder verdrängt. Die Kletterer können so in eine «Sünden-bockrolle» gedrängt werden. Zudem birgt die ehrliche Offenlegung der eigenen Aktivitäten auch eine gewisse Gefahr des Missbrauchs in sich, nach dem Sprichwort: Man gibt den kleinen Finger, genommen wird gleich die ganze Hand.10 Solchen Tendenzen müssen die Kletterer und der SAC mit fester Bestimmtheit entgegentreten.

Es ist sicher nicht nötig, für andere Gebiete des Juras, der Voralpen oder des Tessins analoge Studien als einzig richtige Massnahme zur Konfliktprävention zu empfehlen. Die Studie Basler Jura kann weit herum als Referenz dienen.

Hingegen empfiehlt es sich, gerade im ausseralpinen Bereich zumindest eine Inventarisierung der bekletterten Felsen und ihres Naturschutz-Status durchzuführen, wie dies beispielsweise für den Kettenjura von Aarau bis Biel (AG, SO, BE) auf Initiative von Pit Hofer durch Stefan Schader geschah. Damit lassen sich potenzielle Konflikte leichter erkennen. Zudem verfügt man damit über eine solide Grundlage für die Planung von Pflege- oder Schutzmassnahmen und für allfällige Verhandlungen mit Behörden und Naturschutzvertretern.

Wichtig ist unseres Dafürhaltens in erster Linie, dass möglichst alle Kletterer für die Problematik sensibilisiert werden und dass das Klettern, Einrichten oder Erschliessen von Routen optimal naturverträglich abläuft. So können wir dazu beitragen, dass Einschränkungen auf das notwendige und begründbare Minimum beschränkt bleiben.

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